Cyberangriffe auf Supermarkt-Kühlungen: Gefahr für Baden?
In mehreren europäischen Ländern haben Unbekannte über das Internet die Kühlanlagen von Supermärkten verstellt. Statt zu kühlen, heizten Kühlregale und Tiefkühltruhen auf, teils bis 50 Grad, und die Ware landete im Container. Seit dem Wochenende gibt es solche Fälle auch in Deutschland. In Österreich ist bisher kein Angriff bekannt, im Bezirk Baden ebenso wenig.
Was passiert ist
Angefangen hat es in Frankreich. In der Nacht auf den 12. Oktober wurden dort die Kühlanlagen von rund 150 Filialen der Ketten Intermarché und Coopérative U manipuliert, gekühlte und gefrorene Waren mussten vernichtet werden. In der Nacht auf Montag, 2. November, folgte die nächste Welle: betroffen waren Supermärkte in Belgien, Schweden, den Niederlanden, Luxemburg, Irland, Finnland und Estland. In Italien gab es ähnliche Ausfälle auf Sizilien, ob sie dazugehören, wird noch untersucht.
In Deutschland meldeten Märkte in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern Schäden. In einer Edeka-Filiale im niederbayerischen Reisbach waren die Anlagen laut Betreiber über Nacht auf „50 Grad heizen“ gestellt, der Großteil der Ware musste weg. In Lilienthal bei Bremen maß der Inhaber am Morgen 70 Grad in der Frischetheke. In beiden Fällen ermittelt die Polizei. Wer dahintersteckt, ist offen, bekannt hat sich bisher niemand.
Wie ein Kühlregal zum Heizen kommt
Gewerbliche Kühlanlagen tauen regelmäßig ab, sonst vereisen die Verdampfer und die Kühlleistung lässt nach. Dafür wird kurz geheizt. Genau diesen Abtaumodus haben die Angreifer laut dem belgischen Kältetechnikdienstleister Sabcobel aus der Ferne eingeschaltet, und zwar so, dass er nicht mehr aufhörte.
Möglich ist das, weil viele Anlagen über eine Steuerung mit Webzugang laufen. Damit kann die Kältefirma Temperaturen kontrollieren und Störungen beheben, ohne hinzufahren. Die französische Cybersicherheitsbehörde CERT-FR nennt als angegriffene Geräte Steuerungen der Serien AK-SM und AK-SC von Danfoss sowie die Systeme xweb von Copeland und Dixell. Ein Fall aus Estland zeigt, wo die Lücke liegt: Dort kamen die Angreifer laut ORF in den Steuercomputer einer älteren Danfoss-Anlage, deren Software nie aktualisiert worden war. In Deutschland lief ein Angriff laut dem Betreiber zweier betroffener Märkte über die Firma, die die Anlagen fernwartet.
Was über Österreich bekannt ist
Das österreichische CERT.at hat nach dem Angriff in Frankreich nachgesehen, welche solchen Steuerungen hierzulande offen im Internet hängen. Gefunden hat es vier Adressen. Eine gehört einer Bäckerei, die die aktuelle Firmware schon eingespielt hatte. Die anderen drei gehören zu einer Restaurantkette und liefen teils mit sehr alter Software, CERT.at wollte die Betreiber direkt informieren. Eine direkte Gefahr für die Kühlkette im Einzelhandel ließ sich daraus laut CERT.at nicht ableiten. Eine offen erreichbare Steuerung heißt außerdem noch nicht, dass sie angegriffen wurde.
Das Bundesamt für Cybersicherheit im Innenministerium hält Angriffe auf Supermarkt-Kühlungen auch in Österreich grundsätzlich für möglich. Konkrete Meldungen liegen dem Amt nach eigenen Angaben aber nicht vor.
Was die Handelsketten sagen
Gefragt wurden die großen Ketten von der APA. Bei der REWE Group mit BILLA, BILLA PLUS, PENNY und ADEG sind in Österreich keine vergleichbaren Vorfälle bekannt, man beobachte die Lage laufend. Lidl ist nicht betroffen. SPAR hat eine eigene Abteilung für Cybersicherheit, die sich auch um die Kühlsysteme kümmert, HOFER ein eigenes Team für IT-Sicherheit. Welche Schutzmaßnahmen sie konkret haben, sagen alle aus Sicherheitsgründen nicht.
Und im Bezirk Baden?
Öffentlich bekannt ist im Bezirk kein Fall. Die Aussagen der Ketten gelten für ihre Märkte in ganz Österreich, also auch für SPAR in der Wiener Straße, HOFER Baden, Lidl in der Dammgasse, PENNY in der Vöslauer Straße und den BILLA PLUS in der Mühlgasse. Alle 25 BILLA-Märkte im Bezirk findest du im Beitrag zur PLAYMOBIL-Treueaktion, alle übrigen Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte unter Lebensmittel.
Welche Steuerungen in den Kühlräumen der kleineren Betriebe im Bezirk laufen, also bei Fleischhauern, Bäckereien, Wirtshäusern oder Heurigen, ist nirgends öffentlich erfasst. Das kann nur jeder Betrieb mit seiner Kältefirma klären.
Musst du dir beim Einkauf Sorgen machen?
Nein. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen nennt die Angriffe zwar einen bewussten Versuch, die Lebensmittelkette zu stören, sieht die Lebensmittelsicherheit in Europa aber nicht gefährdet. In den betroffenen Märkten fiel die Wärme auf und die Ware wurde weggeworfen. Dass dadurch verdorbene Lebensmittel in Österreich verkauft worden wären, ist nicht bekannt.
Warum die Kühlung so wichtig ist, erklärt die AGES: Unter 5 Grad wächst der Großteil der Keime nur langsam oder gar nicht mehr. Für dich heißt das wie immer: Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Tiefkühlware zuletzt in den Wagen, in die Kühltasche und daheim gleich in den Kühlschrank. Ist ein Produkt schon einmal betroffen, ruft es der Handel zurück, so wie zuletzt beim Rückruf von Forellenfilets bei Lidl.
Was Betriebe mit Kühlanlage jetzt prüfen sollten
Die Empfehlungen von CERT-FR lassen sich auf jede vernetzte Kühlung übertragen, egal ob im Supermarkt oder im Kühlraum eines Wirtshauses:
- Ist die Steuerung direkt aus dem Internet erreichbar? Wenn ja, diesen Zugang schließen und Fernwartung nur noch über ein VPN oder ein geschütztes Netz zulassen.
- Vorher im Wartungs- oder Versicherungsvertrag nachsehen, ob die Kältefirma die Daten laufend übertragen bekommen muss.
- Firmware auf den aktuellen Stand bringen und Standardpasswörter ändern. Für Geräte, die keine Updates mehr bekommen, gilt das Risiko als besonders hoch.
- Die Einstellungen kontrollieren, vor allem die Abtauzeiten.
- Einen Temperaturalarm haben, der unabhängig von der Fernwartung funktioniert und auch nachts und am Wochenende jemanden erreicht.
Dass Angreifer gern über scheinbar harmlose Wege kommen, zeigt auch die gefälschte Amts-Mail, vor der zuletzt die Gemeinde Schönau an der Triesting gewarnt hat. Weitere Meldungen dazu findest du unter Sicherheit.
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Mehr aus unserer Redaktion
Recherchiert anhand von CERT.at, CERT-FR, ORF, tagesschau und AGES; Stand 4.11.2026.
- CERT.at: In Frankreich wurden Kühlanlagen manipuliert – geht das auch bei uns?, 13.10.2026, abgerufen 4.11.2026
- CERT-FR: Incident de sécurité ciblant les contrôleurs à distance des installations de réfrigération (CERTFR-2026-ALE-012), Stand 16.10.2026, abgerufen 4.11.2026
- ORF: Kühlsysteme in Supermärkten gehackt, 2.11.2026, abgerufen 4.11.2026
- ORF: Heimische Supermärkte rüsten sich gegen Cyberangriffe, 3.11.2026, abgerufen 4.11.2026
- tagesschau: Cyberangriffe auf Kühlanlagen deutscher Supermärkte, 3.11.2026, abgerufen 4.11.2026
- derStandard: Wie gefährdet Österreichs Supermärkte durch Kühlregal-Hacks sind, 4.11.2026, abgerufen 4.11.2026
- AGES: Sicher kochen – Kühl’ es, abgerufen 4.11.2026
