Hochwasser 2024: Klimawandel trieb die Flutspitzen hoch

Beim Hochwasser im September 2024 hat der Klimawandel die Hochwasserspitzen deutlich stärker erhöht als die Regenmenge. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Ende Oktober im Fachjournal „Science Advances“ erschienen ist. Ohne die menschengemachte Erwärmung wäre während Sturm Boris laut den Modellen etwa 6 bis 9 Prozent weniger Regen gefallen, die Hochwasserspitzen wären aber um 14 bis 22 Prozent niedriger gewesen. Im Bezirk Baden ist dieses Hochwasser vielen noch gut in Erinnerung.
Was die Studie herausgefunden hat
Geleitet hat die Untersuchung das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Die Forschenden haben zwei Klimamodelle mit zwei Verfahren kombiniert, die aus Regen den Abfluss in den Flüssen berechnen, eines davon mit maschinellem Lernen. So entstanden vier Rechenwege für dieselbe Frage: Wie wäre Sturm Boris ausgefallen, wenn sich die Erde nicht erwärmt hätte?
Der Regen wäre je nach Klimamodell um 6 bis 9 Prozent geringer ausgefallen, die Hochwasserspitzen im Mittel um 14 bis 22 Prozent. Der Grund liegt im Boden. Er kann am Anfang eines Starkregens einen Teil des Wassers aufnehmen. Ist er einmal voll, geht laut Erstautor Peter Miersch jeder zusätzliche Millimeter direkt in den Fluss. Ein paar Prozent mehr Regen werden so zu deutlich mehr Hochwasser. Mitautor Jakob Zscheischler bringt es auf eine Faustregel: Zehn Prozent mehr Extremregen können zwanzig Prozent mehr Hochwasser bedeuten.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Studie rechnet mit dem Abfluss, nicht mit dem Wasserstand, die Prozente lassen sich also nicht auf die Zentimeter am Pegel übertragen. Und Veränderungen in Landnutzung und Wassermanagement haben die Forschenden ausdrücklich nicht berücksichtigt. Besonders betroffen waren laut UFZ Polen, Tschechien und Österreich. Einen eigenen Wert für die Schwechat oder die Triesting liefert die Studie nicht. Zu behaupten, die Schwechat in Baden hätte ohne Klimawandel genau 20 Prozent weniger Wasser geführt, wäre deshalb falsch.
Der 15. September 2024 im Bezirk Baden
An diesem Sonntag wurde ganz Niederösterreich zum Katastrophengebiet erklärt, zum ersten Mal überhaupt. Im Bezirk Baden waren laut MeinBezirk alle 69 Feuerwehren im Einsatz, am Montagvormittag noch 50. Die Schwechat trat im Helenental über die Ufer, die Piesting bei Teesdorf und Ebreichsdorf. In Teesdorf war das Feuerwehrhaus bedroht, Wasser floss entlang der Bahntrasse auf eine Siedlung zu.
In der Stadt Baden waren laut NÖN zu Mittag fast alle Brücken gesperrt, an der Schwechat schlugen die Wellen teils über die Ufermauern. Viele fühlten sich an das Hochwasser von 1997 erinnert. Der Pegel Cholerakapelle in Baden zeigte an diesem Tag 564 Zentimeter, den höchsten Wert, der dort je gemessen wurde. Rechnerisch entspricht das einem 80-jährlichen Ereignis. So steht es in den Daten des Landes, die wir auf unserer Seite mit den Wasserständen anzeigen.
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Fahrafeld: Das Becken war bis auf 20 Zentimeter voll
An der Triesting hat der Hochwasserschutz seine erste echte Probe bestanden. Das Rückhaltebecken Fahrafeld bei Pottenstein fasst rund 750.000 Kubikmeter. Laut Triesting Wasserverband wurde es am 15. September 2024 ganz genutzt, das Wasser stand etwa 20 Zentimeter unter der Überlaufkante. Über Nacht war das Becken wieder leer.
Wie viel Wasser kam, zeigt der Vergleich mit 2002: Damals flossen in Fahrafeld rund 222 Kubikmeter pro Sekunde zu, 2024 waren es bis zu 227. Weiter unten am Pegel Hirtenberg kam trotzdem nur etwa ein zehnjährliches Hochwasser an. Überflutete Straßen und Keller gab es auch diesmal, aber deutlich weniger als 2002. Der Verband hat sechs Rückhaltebecken um rund 50 Millionen Euro gebaut. Seine Auswertung von 2025 beziffert die abgewendeten Sachschäden mit rund 70 Millionen Euro und spricht von 35.000 geschützten Menschen. Das ist die Rechnung des Verbands, keine unabhängige Schadensbilanz.
Aus dem Ernstfall wurde gelernt: Die Daten vom September 2024 flossen in neu berechnete Hochwasserkurven ein. Ein Messsystem mit rund 20 Stellen von Kaumberg bis Oberwaltersdorf gibt Gemeinden und Einsatzkräften jetzt früher Bescheid, was flussabwärts kommt.
Was das für die Region heißt
Die Studie sagt nicht, wie oft eine Wetterlage wie Sturm Boris künftig auftritt. Sie sagt aber, worauf es bei der nächsten ankommt: Wie gefährlich ein Starkregen wird, hängt nicht nur an der Regenmenge, sondern genauso daran, wie nass der Boden schon ist, wie hoch die Flüsse vorher stehen und wie viel die Rückhaltebecken noch aufnehmen können. Ist der Boden gesättigt, wirkt jeder weitere Millimeter stärker als am Anfang.
Wie unterschiedlich die Lage sein kann, zeigt der Vergleich mit heuer: Im Oktober 2026 führten Schwechat, Triesting und Piesting ungewöhnlich wenig Wasser. Jedes einzelne Hochwasser oder jede Trockenzeit allein dem Klimawandel zuzuschreiben, wäre trotzdem zu einfach.
Wasserstände selbst im Blick behalten
Auf unserer Wasserstandsseite stehen die fünf Messstellen im Bezirk: die Schwechat in Baden und Traiskirchen, die Triesting in Fahrafeld und Hirtenberg und die Piesting in Ebreichsdorf, jeweils mit Messzeit, Durchfluss und dem Vergleich zum höchsten dort gemessenen Hochwasser. Was die Zentimeter bedeuten, erklärt unser Beitrag Pegel lesen. Das sind ungeprüfte Rohdaten und keine Warnung. Im Ernstfall gelten die Wasserstandsnachrichten und Hochwasserprognosen des Landes Niederösterreich und die Anweisungen der Einsatzkräfte.
Mehr aus unserer Redaktion
Recherchiert anhand der Studie in Science Advances und der Mitteilung des UFZ vom 29.10.2026, der Seiten des Triesting Wasserverbands, der Berichte von NÖN, MeinBezirk und top agrar vom September 2024 sowie der Pegeldaten des Hydrographischen Dienstes Niederösterreich; Stand 3. November 2026. Foto und Video: eigene Aufnahmen vom 15. September 2024. Gelesen und freigegeben am 03.11.2026 von leokobes.
- Science Advances: Evidence from 2024 Storm Boris indicates anthropogenic climate change amplifies floods more than extreme precipitation (DOI 10.1126/sciadv.aef7703)
- UFZ über idw: Klimawandel beeinflusst Hochwasser stärker als Extremniederschläge (29.10.2026)
- Triesting Wasserverband: Hochwasser am 15. September 2024
- Triesting Wasserverband: Herbst 2025 – Ein Jahr nach dem Hochwasser (16.10.2025)
- NÖN: Hochwasser – Stadt Baden war fast wieder geteilte Stadt (15.9.2024)
- MeinBezirk: Hochwasser an der Schwechat, Piesting und Triesting (16.9.2024)
- top agrar Österreich: Hochwasser trifft Niederösterreich besonders schwer (September 2024)
- Land Niederösterreich: Wasserstandsnachrichten und Hochwasserprognosen
