Badens Klimabilanz: was die Zahlen aussagen

Wer wissen will, wie viel Treibhausgas Baden ausstößt, findet schnell eine Zahl: 188.420 Tonnen CO₂-Äquivalent im Jahr. Sie steht auf dem Klimadashboard und stammt aus dem Energiemosaik Austria. Nur: Diese Zahl ist kein Messwert, sie ist sechs Jahre alt, und mehr als die Hälfte davon verursachen zu einem guten Teil Menschen, die gar nicht in Baden wohnen.
Was genau dasteht
Das Energiemosaik Austria weist für die Stadtgemeinde Baden folgende Werte aus. Bezugsjahr ist 2019, der Datenstand ist März 2022:
| Bereich | Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr |
|---|---|
| Mobilität | 91.580 |
| Wohnen | 44.260 |
| Industrie und Gewerbe | 27.750 |
| Dienstleistungen | 24.350 |
| Land- und Forstwirtschaft | 480 |
| insgesamt | 188.420 |
Die Zahlen gelten für die Stadt Baden mit ihren rund 25.900 Einwohnerinnen und Einwohnern, nicht für den Bezirk. Für den Bezirk Baden hält das Klimadashboard keinen einzigen Emissionsdatensatz bereit.
Kein Messwert, sondern ein Modell
Der wichtigste Satz steht bei den Betreibern des Energiemosaiks selbst. Auf ihrer Startseite stehen zwei Karten nebeneinander, „Was kann unser Modell?" und „Was kann unser Modell nicht?". Unter der zweiten steht: Unser Modell bietet keine „Echtdaten“ und ist in seiner zeitlichen und räumlichen Auflösung beschränkt.
Im Methodenteil wird es ausführlicher: Die Aussagen zu Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen spiegeln die Ergebnisse der Modellierung wider und bilden nicht die Werte umfangreicher Messungen oder örtlicher Erhebungen ab.
Entwickelt wurde das Modell am Institut für Raumplanung, Umweltplanung und Bodenordnung der Universität für Bodenkultur Wien. Es rechnet aus räumlichen Strukturen: Wie wird gewohnt, welche Branchen sitzen hier, welche Wege entstehen daraus? Daraus werden Energieverbrauch und Emissionen abgeleitet – mit Kennzahlen und Emissionsfaktoren, nicht mit Zählern.
Die Betreiber schreiben außerdem ausdrücklich, dass sich aus ihren Daten kein Monitoring auf Gemeindeebene ableiten lässt. Eine Stadt kann mit diesen Zahlen also nicht nachweisen, dass sie besser geworden ist.
Warum die Mobilitätszahl so hoch ist
91.580 Tonnen – fast die Hälfte der Gesamtbilanz entfällt auf Mobilität. Das klingt nach einem Autofahrerproblem. Es ist vor allem eine Frage der Zurechnung.
Das Energiemosaik verwendet bei der Mobilität bewusst nicht den Ansatz der nationalen Energiestatistik, sondern einen nutzungsbezogenen: Ein Weg wird in der Regel dem Zielort zugerechnet, je nach Zweck. Wer zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen nach Baden fährt, erzeugt Emissionen, die in Badens Bilanz landen – der Heimweg zählt dagegen zur Wohngemeinde.
Für eine Bezirkshauptstadt mit Kurbetrieb, Krankenhaus, Schulen, Gerichten, Ämtern und Handel ist das kein Detail. Baden ist ein Zielort für die halbe Umgebung. Die Betreiber halten selbst fest, dass sich die Gemeindewerte österreichweit zur Bundesstatistik summieren – außer bei der Mobilität.
Eine saubere Aufteilung in „von Einheimischen“ und „von Einpendlern“ geben die veröffentlichten Daten nicht her. Sie unterscheiden nach Wegezweck: Haushaltsmobilität 43.700, Kundenmobilität 27.160, Beschäftigtenmobilität 16.520, Reiseverkehr 2.190, Güterverkehr 2.010 Tonnen. Mehr als das lässt sich daraus nicht ablesen.
Ein Jahr ist kein Trend
Für Baden existiert in diesem Datensatz genau ein Jahr: 2019. Kein Vorjahr, kein Folgejahr, kein Zielwert. Trotzdem ist die Grafik auf dem Dashboard mit einer Vorlage überschrieben, die von einer Veränderung „im Vergleich zum Vorjahr“ spricht, und daneben steht ein Baustein „Emissionsreduktionen nach Sektor“. Beides braucht mindestens zwei Zeitpunkte. Für Baden gibt es die nicht.
Auch zwei verschiedene Energiemosaik-Stände darf man nicht gegeneinanderhalten. Die Betreiber weisen darauf hin, dass die Vergleichbarkeit mit der Vorversion nur eingeschränkt gegeben ist, weil Datengrundlagen ergänzt und das Modell weiterentwickelt wurden. Ein Unterschied zwischen zwei Modellständen ist kein Emissionsrückgang.
Zwei amtliche Dokumente, zwei verschiedene Zahlen
Dass das kein theoretisches Problem ist, zeigt der Klimafahrplan Baden – die Publikation, mit der sich die Stadt auf den Weg zur Klimaneutralität 2040 macht, erschienen 2025 in der Schriftenreihe des Innovations- und Infrastrukturministeriums.
In seiner Tabelle 2, ausdrücklich dem Energiemosaik zugeschrieben, stehen für Baden: Mobilität 58.630, Wohnen 51.930, Industrie und Gewerbe 28.780, Dienstleistungen 44.840, Land- und Forstwirtschaft 160 – insgesamt 184.340 Tonnen.
Im Fließtext desselben Dokuments steht dagegen, der CO₂-Ausstoß im Bereich Mobilität betrage „laut Energiemosaik Austria“ rund 92.000 Tonnen und damit etwa 50 Prozent, und der Bereich Wohnen rund 44.000 Tonnen, etwa 23 Prozent.
Der Fließtext passt also zum heutigen Energiemosaik-Datensatz, die Tabelle nicht. Woher die Tabellenwerte stammen, sagt der Bericht nicht – als Quelle nennt er das Klima- und Energiekonzept Baden aus 2022. Für Leserinnen und Leser heißt das: Wer eine Badener Emissionszahl zitiert bekommt, sollte wissen, aus welchem der beiden Absätze sie kommt.
Drei weitere Fallen auf derselben Seite
Die Temperaturen stammen nicht aus Baden. Das Dashboard sucht zu jeder Region die nächstgelegene Wetterstation im Umkreis von fünf Kilometern. Für Baden ist das die Station Gumpoldskirchen – nach eigener Berechnung aus den hinterlegten Koordinaten rund 4,7 Kilometer entfernt, auf 212 Metern Seehöhe und bereits im Bezirk Mödling. Als regionaler Anhaltspunkt taugt das gut; als Messung „in Baden“ nicht.
Die Heizungsgrafik zeigt Niederösterreich. Sie ist mit „Heizungen in Baden“ überschrieben, greift für österreichische Gemeinden aber auf die Mikrozensus-Werte des Bundeslandes zurück. Für die Gemeinde Baden selbst liegen in diesem Datensatz keine Werte vor. Die Seite kennzeichnet das über ein Label – im Fließtext steht es nicht.
Und bei der Einheit widersprechen sich die Angaben. Die Dokumentation der offenen Schnittstelle beschreibt das Wertfeld als Kilotonnen CO₂-Äquivalent. Die Grafik beschriftet denselben Zahlenwert als Tonnen, und die Primärquelle Energiemosaik nennt die Spalte eindeutig „Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr“. Wer die Zahl aus der Schnittstelle zieht und der Dokumentation folgt, landet um den Faktor 1.000 daneben. Deshalb steht in diesem Beitrag die Angabe der Primärquelle: Tonnen.
Was man mit der Zahl trotzdem anfangen kann
Nichts davon macht die Daten wertlos. Sie zeigen Größenordnungen und Verhältnisse, und beides ist belastbar genug, um Prioritäten zu erkennen: Mobilität und Wohnen sind in Baden die beiden großen Posten, Land- und Forstwirtschaft spielt keine Rolle, energieintensive Industrie gibt es praktisch nicht – ihr Anteil am Energieverbrauch wird mit null Prozent ausgewiesen.
Was die Daten nicht können: einen Fortschritt belegen. Dafür bräuchte es zwei vergleichbare Zeitpunkte derselben Reihe. Die gibt es für Baden nicht – und bis es sie gibt, bleibt jede Aussage über eine Verbesserung eine Ankündigung, keine Bilanz.
- Daten: Abart-Heriszt 2022, Energiemosaik Austria (Lizenz CC BY-NC-SA 3.0 AT, www.energiemosaik.at)
- Darstellung: Klimadashboard Österreich sowie eigene Auswertung der Gemeindedaten
- Gebiet: Stadtgemeinde Baden, Gemeindekennziffer 30604 – nicht der Bezirk Baden
- Bezugsjahr: 2019 · Quellenstand: März 2022 · Abgerufen: 4. Oktober 2026
- Methode: räumliches Modell aus Struktur- und Nutzungsdaten, keine Messung; Mobilität überwiegend dem Zielort zugerechnet; Einheit Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr
- Nicht ausgewiesen: Abfall, Abwasser, Landnutzung, Flugverkehr ins Ausland sowie eine Konsumbilanz mit Vorketten importierter Güter
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Grundlage sind die Gemeindedaten des Energiemosaik Austria (Zeile 30604, Stand März 2022, Datenbasis 2019), die Darstellung auf dem Klimadashboard samt offener Schnittstelle sowie der Klimafahrplan Baden. Alle Zahlen wurden an der Primärquelle nachgeprüft; die Entfernung zur Wetterstation Gumpoldskirchen ist eine eigene Berechnung aus den hinterlegten Koordinaten. Die Einheitenangabe folgt der Primärquelle, weil die Schnittstellendokumentation ihr widerspricht. Der Text ist maschinell aus den unten genannten Quellen entstanden und von der Redaktion noch nicht nachgelesen.



